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Gastautor Ulrich Texter: "Wir kennen von allem den Preis - aber von nichts den Wert."

Geist ist geil!

(Güster, Februar 2004) Packt der Einzelhandel bald endgültig ein? Ist bald Schluss mit Genuss? Bleibt nur noch der Preis als einziges Aphrodisiakum? Fest steht, dass die Verbraucher mit ihrem Kaufverhalten ebenso Mitschuld an der desolaten Situation im Einzelhandel tragen wie viele Probleme des Handels hausgemacht sind. Die mündigen Konsumenten sind ebenso Akteure wie Opfer in einer Abwärtsspirale, die unsere Städte immer uniformer aussehen lässt, die Handelslandschaft verödet und das Angebot ausdünnt

Hermann Franzen, Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, hängt der Erlebnisorientierungs-These an, wenn er sagt, dass "die Konsumenten vom Handel mehr als nur Versorgung zu Niedrigpreisen" erwarten, weil "sie emotional angesprochen werden" wollen. "Gute Einzelhandelbetriebe verkaufen nicht nur Ware, sie vermitteln gleichzeitig Wohlbefinden, Lebensfreude, Stil und Genuss."

Unglücklicherweise folgen immer weniger Verbraucher dieser Metaphysik, sind es vor allem hochpreisige Marken, die je eigentlich exemplarisch für Stil und Genuss stehen, aber unter dem flächendeckenden Rabattwahn besonders leiden, während die Discounter, die sich seit eh und je der Niedrigpreispolitik verschreiben haben, kaum unter Glaubwürdigkeitsproblemen stöhnen – und auf der überholspur fahren. Warum sollte der Konsument in vielen Fällen auch Apothekenpreise bezahlen, wenn er weiß, dass die Handelsmarke vom selben Hersteller kommt? Wir sind doch nicht blöde oder? Wir kennen von allem den Preis – aber von nichts den Wert. Nie war diese Sentenz so wahr wie heute. Wie auch, wenn ganze Einkaufsstraßen nur mit überdimensionalen Prozentzeichen oder Sale-Lettern zugekleistert werden. Es gibt Zyniker, die meinen, der Tag wird kommen, an dem Textiliten bereits am dritten Adventssamstag 70 Prozent auf die Sommerkollektion des kommenden Jahres geben, weil sie das Weihnachtsgeschäft sowieso abgeschrieben haben. Das ganze Jahr im Basar! Schöne neue Einkaufswelt.

Es braucht nicht viel Phantasie, dass dieser Rabattwahn Folgen zeitigt, nicht nur bei Herstellern/Lieferanten und dem Verbraucher, der mehr denn je verunsichert sein sauer Verdientes zusammenhält, weil Preise Halbwertzeiten von leicht verderblichen Lebensmitteln haben. Im Hamburg heute das, in München morgen das – Herr gib’ uns unseren täglichen Wahnsinn! Die Preisschlachten haben aber natürlich auch volkswirtschaftliche und gesellschaftspolitische Konsequenzen, an denen wir Verbraucher als Akteure dieser Entwicklung eine Mitschuld tragen – und mittel- bis langfristig die Konsequenzen tragen müssen. Die Gründe für die Talfahrt im Handel liegen ja nicht nur in den Rahmenbedingungen, in der Politik, am Teuro, dem Internet, dem überangebot, der Globalisierung, steigenden Abgaben oder einem falschen Angebot. Die Wahl für "Geiz ist geil" ist ja auch eine Entscheidung gegen etwas: zum Beispiel gegen Deutschland als Produktionsstandort. Was wir Verbraucher tatsächlich mit unseren Geiz-ist-geil-Entscheidungen zum Ausdruck bringen ist ja, dass wir Hochlohnlandeinkommen bei gleichzeitigen Niedriglohnausgaben haben wollen. Vier Prozent mehr Lohn und Gehalt, aber die Preise bitte schön weiter nach unten! Man muss kein Prophet sein, um die These aufzustellen, dass das auf Dauer nicht gut gehen kann. Rationalisierung hier, Verlagerung dort heißen die Antworten – könnten wir doch nur in Ruhe die heile Discount-Welt genießen, wären da nicht die Folgen. Der Handel speckte 2003 weiter ab, nach Schätzungen des HDE 30.000 Arbeitsplätze.

Wer sein Augenmerk bei der Wahl von Spielwaren ausschließlich danach richtet, was was kostet, nimmt bewusst, jedenfalls billigend in Kauf, dass der Fachhandel mit seiner Kostenstruktur kaum Chancen hat, es mit den Discountern und ihren Schnäppchenangeboten aufzunehmen. Das Weihnachtsgeschäft zeigte erneut, was wir zwischen Dosenbier und Erbsen alles finden können: Loks, Eisenbahn-Zubehör, Holzspielwaren etc. Ob das den Markt öffnet, wie oft von jenen behauptet wird, die eine Discounter-Liaison eingegangen sind, bleibt denn doch mehr als fraglich in Märkten, in denen längst die Verdrängung, aber nicht Wachstum den Ton angibt. Zweifel sind also allemal angebracht. Experten rechnen mit 9.600 Insolvenzen im Handel für 2003.

 Discounter dürften kaum darunter zu finden sein.

Das Weihnachtsgeschäft war wieder einmal schlecht; je nach Verband-Schätzung belief es sich auf ein Minus zwischen minus drei bis vier oder vier bis fünf Prozent unter dem Vergleichzeitraum des Vorjahres liegt. Abermals musste der Einzelhandel über das ganze Jahr hinweg ein Umsatzminus von einem Prozent hinnehmen. Ein Ende ist nicht in Sicht, Steuerreform, Steuerreform her. Wir haben uns eingerichtet im täglichen Wahnsinn.

Wir können uns auch besinnen und umdenken.

Geist ist geil!

Ulrich Texter (48) ist Fachjournalist für die Spielzeug- und Freizeitbranche

Handelshaus G. Gollnest & F.-R. Kiesel KG
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